Kultur

05.01.2022

„Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl"


Ob Stilisierte Blumen oder eine junge Frau unterm Regenschirm, jeder Strich ist der eines echten Künstlers

Abdulkarim Alhassan floh vor sechs Jahren aus Syrien/Der studierte Kunstmaler kann in Deutschland seinen eigentlichen Beruf nicht ausüben

von Herma Niemann

Osterode. Viele Migranten haben das Problem, dass sie in ihrem Aufnahmeland nur einen Job finden, der unter ihrer im Heimatland erworbenen Qualifikation liegt. Genauso ergeht es auch Abdulkarim Alhassan, der im Jahr 2015 aus Syrien floh, zunächst in Herzberg lebte und seit zwei Jahren in Osterode wohnt.

Er fühle sich wohl hier, sagt Alhassan in einem Gespräch mit unserer Zeitung, das sei gar keine Frage. Dennoch vermisse er es sehr, in seinem eigentlichen Beruf zu arbeiten. Abdulkarim Alhassan ist Kunstmaler. Und das kann man deutlich sehen, wenn man seine Wohnung in der Marientorstraße in Osterode betritt, die eigentlich eher einem Atelier gleicht. Nahezu alle Wände präsentieren groß- und kleinformatige Bilder, eine Staffelei, Pinsel, hochwertige Farben und eine Farbpalette zeigen, dass Kunst sein Lebensinhalt ist.

Abdulkarim Alhassan studierte Kunst in Syrien und zeigte seine Werke in großen Ausstellungen in Syrien, anderen arabischen Ländern und auch in Europa. Zudem unterrichtete er Kinder und Jugendliche in Kunst und lehrte sie das Malen und Zeichnen. Zudem leitete er in seiner Syrischen Heimatstadt, Al-Raqqa, viele große Kunstprojekte mit Kindern.

Schon als kleines Kind habe sich bei ihm seine Begabung für das Malen gezeigt, sagt er. Aber zunächst riet ihm seine Familie davon ab, mit Kunst seinen Lebensunterhalt verdienen zu wollen. Bis auf seine Mutter, die an ihn und seine Fähigkeiten geglaubt habe. Ob Straßenszenen, Ikonenbilder, Portraits oder die in Schwarz gehaltenen Fantasieszenen - hier ist ein wahrer Künstler am Werk.

Hier, in Deutschland, sei sein Studium und seine Berufserfahrung leider nicht anerkannt. In seiner neuen Heimat angekommen, nahm er an allen erforderlichen Kursen und Lehrgängen zur Eingliederung teil. Er absolvierte einen Integrationskurs Deutsch (B1), mehrere Lehrgänge des DRK sowie Politik-, Toleranz- und Demokratieschulungen. Neben seiner arabischen Sprache spricht er zudem Englisch und Französisch ganz gut, sagt er. Und jetzt, seitdem er einen Arbeitsplatz hat, lerne er auch immer besser Deutsch.

Seit einigen Monaten arbeitet Abdulkarim Alhassan in dem Osteroder Geschäft für Heimtierbedarf „Feed my animal“. Seinem Chef, Johannes Grammel, sei er sehr dankbar für die Hilfe, die Unterstützung und die Arbeitsstelle. „Mein Chef hat mich verstanden, er hat verstanden, dass ich Künstler bin und dass ich meine Materialien kaufen muss“, sagt Abdulkarim Alhassan. Und Künstlerbedarf sei um einiges teurer als für den Hobbybedarf.

Beim Künstlerbedarf hat er also schon einen gewissen Anspruch, ansonsten ist Abdulkarim Alhassan aber sehr bescheiden, Das schönste an jedem neuen Tag sei eine gute Tasse Kaffee am Morgen und dazu eine Zigarette. Durch die Arbeitsstelle habe er es geschafft, seine Miete und seinen Lebensunterhalt allein zu bestreiten. Ein Auto hat Alhassan nicht. Deswegen geht er jeden Morgen zu Fuß zur Arbeit, von der Marientorstraße bis in die Freiheit und am Nachmittag wieder zurück. „Ich freue mich, hier zu sein“, sagt er „Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl“. Aber hier und da schwingt in dem Gespräch auch ein wenig Traurigkeit mit.

Abdulkarim Alhassan hat viel durchgemacht. Was in seinem Land passiert ist und auch immer noch passiere mache ihn sehr traurig. Aufgrund des Krieges und dem Assad-Terrorregime floh er allein nach Deutschland, über Nordafrika, Ägypten und Spanien. Seine Frau und seine gesamte Familie sei in Syrien ums Leben gekommen. Ein Teil seiner heutigen Bilder sei auch eine Art Erlebnisverarbeitung. Hunger, Tod, vermisste Eltern, vermisste Kinder, alles, was er in Syrien sehen musste, hat er in seinen Bildern verarbeitet.

Aus seiner Erinnerung heraus sind so auch großformatige Bilder mit Straßenszenen aus besseren Tagen der syrischen Hauptstadt Damaskus entstanden. „Immer wenn es mir schlecht geht, tauche ich ein in die Bilder“. Ein bisschen ärgere es ihn aber, dass im Gegensatz zu den arabischen Ländern, in Deutschland faktisch jeder Hobbymaler eine Ausstellung bestreiten kann. Er habe da natürlich nichts dagegen, er sehe sich auch gerne Ausstellungen an, aber dadurch schwinde immer mehr die Akzeptanz oder die Anerkennung den gelernten Künstlern gegenüber.

Momentan arbeitet Abdulkarim Alhassan an einer Reihe von Bildern über Osterode. Mit einem Bild von der Marienkirche hat er bereits begonnen, elf weitere, wie in einer Art Kalender, sollen folgen. Gerne würde er auch wieder einmal eine Ausstellung unter dem Titel „Zwischen Syrien und Deutschland“ organisieren, drei Ausstellungen mit seinen Werken gab es schon vor einigen Jahren, in Osterode und in Herzberg.

Abdulkarim Alhassan hat sich auf die Erstellung von Aquarellen, Ölgemälden und Graphitwerke spezialisiert. Wer Interesse an Bildern hat, kann Kontakt zu ihm aufnehmen per Mail karim1982hassan@gmail.com oder über Handy 0172-5408885.

 

BU

1 Der 39-Jährige aus Syrien war in seinem Heimatland ein anerkannter Künstler.

2 Seine Wohnung gleicht einem Atelier, an den Wänden hängen seine Werke.

3 Kreative Werkstatt: Mit diesen Materialien erschafft Abdulkarim Alhassan seine Bilder.

4 Ob Stilisierte Blumen oder eine junge Frau unterm Regenschirm, jeder Strich ist der eines echten Künstlers.

Fotos Herma Niemann

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Der 39-Jährige aus Syrien war in seinem Heimatland ein anerkannter Künstler

Seine Wohnung gleicht einem Atelier, an den Wänden hängen seine Werke

Kreative Werkstatt: Mit diesen Materialien erschafft Abdulkarim Alhassan seine Bilder

 

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