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23.06.2020

Ab die Post: Die erste Ansichtspostkarte stammt vom Eisdorfer Pastor Parisius


Die erste Ansichtskarte aus dem Jahr 1872 wurde in Göttingen hergestellt, gemalt von Pastor Ludolf Parisius.

Die Postkarte wird in diesem Jahr 151 Jahre alt /Der spätere Eisdorfer Pastor Ludolf Parisius kreierte 1871 die erste Landschafts-Ansichtskarte und etablierte ihre Verbreitung.

Eisdorf/Badenhausen/Göttingen. Heute ist es so einfach, Urlaubsgrüße mit Foto über das Smartphone zu verschicken. Schnell ist ein Bild gemacht, der Messenger-Dienst geöffnet und mit wenigen Klicks können die Daheimgebliebenen an den Urlaubseindrücken teilhaben.

Vor über 151 Jahren war jedoch die Erfindung der Postkarte eine Revolution. Ihre Einführung erfolgte am 1. Oktober 1869. Seitdem stieg der Bekanntheitsgrad der Postkarte kontinuierlich, denn es war damals ein einfacher Weg, schnell und günstig Informationen auszutauschen. Was wir heute Postkarte nennen, ist eigentlich eine Ansichtskarte. Die klassische Postkarte, in diesem Fall allerdings als private Karte, soll sich bereits im Jahr 1861 ein Mr. Carlton in den USA patentiert haben lassen. Allerdings waren bereits 1760 von der Pariser Stadtpost „Petite Poste“ erstmals Postkarten im innerstädtischen Postverkehr im Umlauf.

Die eigentliche Idee zur ersten und dann später postamtlich zugelassenen Postkarte entstand aber wohl im Jahr 1865. Damals schlug der Postreformer und Gründer des Reichspostmuseums (heute Museum für Kommunikation in Berlin) Heinrich von Stephan die Einführung eines sogenannten offenen Postblattes als einfache und kostengünstige Alternative zum Brief vor. Kritiker hatten jedoch Sorgen um das Briefgeheimnis, die Wahrung der guten Sitten und befürchten sinkende Einnahmen. Ende Juli 1868 reichen dann fast gleichzeitig zwei Leipziger Bürger, der Buchhändler Friedlein und der Kaufmann Friedrich Wilhelm Pardubitz, beim Generalpostamt in Berlin je ein Muster einer „Universal-Correspondenz-Karte“ ein. Sie trugen vorderseitig einen Adressvordruck und Gebrauchsbemerkungen, rückseitig einen Vordruck von verschiedenen Fragen oder Antworten aus dem Familien- und Geschäftsleben, die markiert werden konnten. Für die spätere Bezeichnung „Correpondenz-Karte“ blieben Friedlein und Pardubitz die Namensgeber. In den 1870er Jahren kamen kreative Unternehmer auf die Idee, das neue Medium weiterzuentwickeln. Sie versahen die Anschriftenseite der Postkarte mit kleinen Zeichnungen oder gedruckten Bildern.

Der Göttinger Theologie-Student und spätere Pastor in Eisdorf, Ludolf Parisius, zeichnete jedoch 1871 die erste Landschafts-Ansichtskarte, also die für uns heute umgangssprachliche Postkarte. Parisius musste damals hin und wieder im Auftrage seines Vaters für diverse Tanten Glückwünsche zum Geburtstag anfertigen. Und da er ein begabter Zeichner war, sei er auf den originellen Gedanken gekommen, diese „tiefgekühlten Glückwünsche“, wie es in Dokumenten des Archivs vom Förderkreis Heimatgeschichte und Heimatstube Eisdorf heißt, auf die Vorderseite der vom Generalpostmeister von Stephan neu herausgebrachten „Correspondenzpostkarte“ zu zeichnen. Er malte als erster heimatliche Motive und fügte die Glückwünsche in Worten dazu. Nur kurze Zeit später verlegte der Göttinger Papierhändler Heinrich Lange (Weender Straße) die vielfältigen Ansichtskarten von Parisius. Aus den Unterlagen des Fördervereins aus Eisdorf geht hervor, dass auf diese Art 1872 in Göttingen die erste Ansichtskarte der Welt erschienen sei, gezeichnet von Parisius. Diese erste Karte zeigt auf der Vorderseite links das Göttinger Rathaus, darunter ein Feld, in dem man das Datum eintragen konnte. Die rechte Seite war für den Text reserviert.

Ludolf Parisius wurde am 12. Oktober 1852 in Leer in Ostfriesland geboren. 1871 machte er sein Abitur, und Anfang 1878 legte er als Göttinger Theologiestudent das letzte theoretische Examen ab. Im November 1892 im Alter von 40 Jahren wurde Parisius in die Pfarrstelle in Eisdorf eingeführt. Sein Einsatz in der Gemeinde soll groß gewesen sein. Er soll den Ausbau der Wege in der Kirchenforst gefördert haben und auch die Aufstellung einer Straßenbeleuchtung trieb er voran.

Die Beliebtheit des Kommunikationsmittels Postkarte stieg in den folgenden Jahren enorm. Sie wurden bunter und auch die Motive vielfältiger. Ihre Blütezeit reicht bis zum Ersten Weltkrieg. Bis Kriegsausbruch 1914 wurden in Deutschland viele Milliarden Postkarten hergestellt, verkauft und verschickt. Allein im Jahr 1900 beförderte die Reichspost 440 Millionen Ansichtskarten.

Im Ersten Weltkrieg werden schätzungsweise zehn Milliarden Karten von deutschen Heeresangehörigen als kostenfreie Feldpostkarten versandt, darunter auch sehr viele Ansichtskarten. Erstmals ist für die Soldaten die Möglichkeit gegeben, Bilder von sich und ihrer Umgebung anzufertigen. Abgebildet werden vor allem Einzelpersonen oder Gruppen, aber auch Ruinen und sogar tote Menschen kommen als Postkartenmotive in Umlauf.

In den Weltkriegen war die Feldpost, die allerdings lange unterwegs war, die einzige Möglichkeit von Kriegsgefangenen, mit den Familien zu Hause Kontakt zu halten. Zahlreiche Postkarten schrieb auch Kurt Stübig aus seiner Amerikanischen Kriegsgefangenschaft in den USA an seine Frau Lieschen in Badenhausen. Auf der einen Seite war rechts das Adressfeld, darüber der Absender mit dem gedruckten Schriftzug „Prisoner of War Post Card“. Links durfte nichts geschrieben werden, dort war das Feld für die Zensur. Der Schriftverkehr wurde kontrolliert, sodass man sich nur auf das Nötigste beschränken konnte.

Im Ersten Weltkrieg zeigten die Ansichtskartenhersteller dazu auch Kreativität, gepaart mit Sarkasmus und schwarzem Humor. Auf einer Postkarte aus dem Jahr 1917 ist ein Foto einer Mine abgebildet. Auf der Mine wurde handschriftlich festgehalten: „Englische Liebesgaben freundlichst durch Eilboten am 9.2.17 auf Flanderns Fluren dankend erhalten“. Die Karte wurde von dem Eisdorfer August Wiese von der Front in Belgien an seine Frau Auguste geschrieben.

Im Zuge der Digitalisierung werden heutzutage aber immer noch gerne Postkarten verschickt, zumal die Motive heute Hochglanzformat haben. Die Deutsche Post AG transportierte 2018 noch rund 155 Millionen Postkarten aus, durch und nach Deutschland. Die Postkarte hat also auch nach 151 Jahren immer noch eine treue Fan-Gemeinde.


In Göttingen studierte er Theologie und war später 32 Jahre lang Pastor in Eisdorf: Ludolf Parisius.

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Ansichtskarte aus dem Jahr 1917: Im Ersten Weltkrieg bewiesen die Kartenhersteller Kreativität und schwarzen Humor mit Bildern von englischen Mienen

Das Grab des ehemaligen Pastors Ludolf Parisius und seiner Frau Auguste in Eisdorf. Parisius verstarb 1940. Das Grab wird von der Gemeinde Eisdorf gepflegt

 

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