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04.06.2020

Wie antike Kuchenförmchen und Puppenköpfe zu kreativen Kunstobjekten werden


Steffen Hahn wohnt mit seiner Lebensgefährtin seit vier Wochen in Bad Grund / Das Haus ist nach dem Umbau zu einer Kunstwerkstatt

...von Herma Niemann

Am Eingang des 120 Jahre alten Fachwerkhauses in der Elisabethstraße Nr. 3 in Bad Grund hängt ein Schild: „Der Hahn und das Volk“. Ab hier müssen jedem Besucher drei Dinge klar sein. Erstens: Man wird sehr herzlich willkommen geheißen. Zweitens: In diesem Haus geht es humorvoll zu. Und Drittens: Das Haus ist vom Keller bis zum Dach nicht nur Wohnhaus, sondern auch eine einzige Kunstgalerie.

Seit vier Wochen wohnen dort Steffen Hahn und seine Lebensgefährtin Waltraud Volk. Deswegen auch das Schild an der Eingangstür.

Ungefähr ein halbes Jahr habe die Renovierung und Sanierung des Hauses gedauert, erzählt Steffen Hahn. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Großzügige Räume wurden durch Wanddurchbrüche geschaffen. Wenige dezent eingesetzte moderne Elemente arrangieren sich perfekt mit den Antiquitäten und erhalten dadurch den Charme des alten Fachwerkhauses. Dazu tragen auch die Kunstwerke von Steffen Hahn bei, die in jedem Raum zu finden sind. Fotografien, Malereien, Airbrush- Bilder und Media-Collagen zieren die Wände. Auch fotografiert der gelernte Grafiker antike Briefe, aus denen er kleinere Ausschnitte auswählt und zu großformatigen Leinwandbildern entstehen lässt. Bezaubernd und eindrucksvoll sind jedoch seine Assemblagen.

Die Kunstform Assemblage entsteht durch die Kombination oder Konstruktion verschiedener Objekte. Hahn nennt sie liebevoll „betagte Einzelteile“. Nicht mehr gebraucht, vergessen, aussortiert oder weggeworfen – bei Hahn werden die antiken Stücke neu zusammengestellt und wieder zum Leben erweckt. Aus antiken Fingerhüten, Weberschiffchen, Schusterleisten, Posamenten (auch als Gardinen-Troddeln bekannt), Kleinteilen aus Metall, Porzellan-Puppenköpfen oder -Beinen und antiken Fotografien erschafft der Neu-Bad Grunder kreative Unikate, die zum Staunen einladen, zum Schmunzeln anregen oder einfach nur schön anzusehen sind.

Etwas ganz Besonderes sind die Puppenköpfe von 1820 bis 1870. Sie wurden als Fehlbrände aussortiert und in der Erde vergraben. Fachleute entdeckten sie und boten sie im Internet zum Kauf an. Vielfältige Techniken wie Löten, Schrauben oder Kleben geben den Neukombinationen Halt. „Jedes Teil ist anders“, sagt der 75-Jährige „wenn ich ein Detail sehe und dann im Kopf habe, weiß ich meistens schon, was daraus werden wird“.

So wurde auch ein antiker französischer Rollschuh, der zu der Zeit grundsätzlich drei Rollen hatte, zu einem Kunstobjekt. Seine Grundbestandteile sind ein französischer Hobel, eine kleine Zitter, eine Madeleine-Backform, ein alter Griffelkasten und noch vieles mehr. Auf die Frage, wie er immer wieder auf neue Ideen komme, antwortet er humorvoll: „Ich bin ein schräger Vogel“. Das kleine Herzstück des Hauses ist der Ausstellungsraum im Erdgeschoss, aber natürlich auch die Werkstatt im Keller, wohin ihn auch der dritte Mitbewohner des Hauses, der Große Schweizer Sennenhund Carlo, gerne folgt.

Steffen Hahn stammt ursprünglich aus München und hat sich zunächst zum Schriftsetzer ausbilden lassen Anschließend studierte er Grafik-Design bei Heinz Edelmann, der unter anderem das gelbe Boot des Beatles-Films „Yellow Submarine“ kreiert hat. Nach dem Studium arbeitete Hahn als selbstständiger Grafiker, vor allem für die Verlage Belser, Thienemann und Klett-Cotta sowie auch für Industrieunternehmen wie zum Beispiel Daimler.

Hahn schuf Illustrationen und Layouts für Bücher. Manch einer hat sie vielleicht auch im Bücher-Regal stehen: die Sprachwörterbücher PONS. Der bekannte gepunktete Schriftzug stammt ebenfalls von Hahn, und auch mit dem Design des berühmten Krokodils des Tennisspielers René Lacoste hat er zu tun. Mit den Kinderbuch-Autoren Otfried Preußler („Der Räuber Hotzenplotz“) und Michael Ende („Die unendliche Geschichte“) hat er schon zusammen gearbeitet, genauso wie mit dem Grafiker Horst Janssen.

In seiner aktiven Berufszeit hatte Hahn eine große Grafikwerkstatt mit mehreren Angestellten in Stuttgart. Er selbst lebte rund 27 Jahre in Frankreich, sodass er oft viele Stunden im Auto verbrachte. Jetzt im Ruhestand widmet er sich hauptsächlich der Kunstform der Assemblage. „Das ist zu meinem Hobby geworden“. Demnächst planen er und seine Lebensgefährtin, die selbst Skulpturen erschafft, wieder an Ausstellungen teilzunehmen.

Die beiden fühlen sich sichtlich wohl an ihrem neuen Wohnort und freuen sich sehr darüber, dass sie als neue Einwohner in Bad Grund sehr herzlich aufgenommen wurden.

Wer die Kunstwerkstatt von Steffen Hahn besuchen möchte, ist herzlich eingeladen, sollte sich aber zuvor telefonisch unter der Nummer 05327/8594694 anmelden.


Waltraud Volk und Steffen Hahn neben dem Eingangsschild an ihrem Haus in Bad Grund

Eine Assemblage steht in der Küche. Sie ist gebaut aus einer Holzkiste, zwei Schusterleisten, antiken Schrank-Griffen und einem Puppenkopf

In seiner Werkstatt hat Steffen Hahn alles, was er benötigt: von den Puppenköpfen bis hin zu Sahne-Spritztüllen und Fingerhüten

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Waltraud Volk und Steffen Hahn in der Kunstausstellung im Erdgeschoss des Fachwerkhauses

Viel zu sehen gibt es in der Ausstellung von Steffen Hahn. Jede Assemblage ist ein Unikat


Gebaut werden die Unikate in der Werkstatt. Hier entstehen die einmaligen Kunstobjekte


Das humorvolle Eingangsschild: „Der Hahn und das Volk“

 

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