Regionales

17.02.2020

Eine Gegenwelt zu der an Wirtschaftlichkeit und Erfolg orientierten Welt


Volkmar Keil

Erste Sitzung der Kirchenkreissynode und die letzte Sitzung für Superintendent Volkmar Keil

...KKHL - Christian Dolle

„Es war mir immer eine große Freude, für diesen Kirchenkreis arbeiten zu dürfen“, sagte Volkmar Keil am vergangenen Freitag in seinem Ephoralbericht, „Es war eine gute, ich möchte sagen eine wunderbare Zeit. Und ich hoffe, man hat es mir unterwegs auf dem Weg manchmal angesehen.“

Die erste Synode des Kirchenkreises Harzer Land (der Kirchenkreistag wurde schlicht umbenannt) war zugleich die letzte Sitzung für Volkmar Keil als Superintendent. Natürlich nutzte er die Gelegenheit, um auf die vergangenen Jahre seines Wirkens zurückzublicken. Auf die Gründung des Kirchenkreises aus den vorherigen Kirchenkreisen Clausthal-Zellerfeld, Herzberg und Osterode im Jahr 2013, die seiner Ansicht nach trotz sehr unterschiedlicher regionaler Besonderheiten zu einer Gemeinschaft gewachsen sind. Auf das große Luther-Happening im Jahr 2017, mit dem es gelang, auch der Kirche nicht allzu nah stehende Menschen anzusprechen und zu begeistern. „Kirche muss aus ihrer Binnensprache heraus, wenn sie nach außen wirken will“, zog er daraus als Lehre.

Doch er blickte nicht nur auf viele Stationen zurück, sondern vor allem auch nach vorn. So hinterlasse er den Kirchenkreis fast ohne Vakanzen, das jedoch werde nicht so bleiben. Durch den Pastorenmangel werde jede Neubesetzung immer schwieriger. Hinzu kommt der Mitgliederschwund in der Kirche, fehlendes Vertrauen und die Einsicht, dass Kirche sich in den kommenden zehn Jahren grundlegend verändern muss.

Das jedoch, so gab der scheidende Superintendent zu bedenken, habe sie in den vergangenen zehn Jahren auch, sei heute nicht mehr die Kirche, die sie damals war. „Immer wieder wird gesagt: Kirche ist zu viel mit sich selbst beschäftigt. Das stimmt. Und spätestens, wenn man das Gefühl hat, Kirche redet mehr von sich selber als von unserem Herrn Jesus Christus, ist etwas nicht mehr in Ordnung.“

Selbstverständliche müsse Kirche sich Gedanken über Strukturen machen, doch sei sie in vielerlei Hinsicht „eine Gegenwelt“ zu der an Wirtschaftlichkeit und Erfolg orientierten Welt, in der sie sich befindet. „Kirche spricht von einem Gott, der uns nicht vom Erfolg her beurteilt. Kirche spricht von einem Gott, der Fehler und Verfehlungen zulässt und vergibt.“

Daher dürfe Kirche sich nicht in Beliebigkeit auflösen, sondern müsse gegensteuern. „Wir müssen wieder eine missionarische Kirche werden“, mahnte er. Nicht in dem Sinne der Bilder, die man heute von Mission in der Vergangenheit hat, wohl aber in einem Kontext, in dem die Kirche heute alle Religionen als gleichwertige Wege zu Gott anerkennt, sie dennoch für den eigenen Glauben werben darf, ja muss. „Bedenkenswert ist, dass die meisten Religionen, mit denen wir auf Augenhöhe reden, deshalb ihre Überzeugung nicht aufgeben, dass ihr Weg der beste ist“, führte er aus, „Ich wäre kein Christ, wenn ich nicht überzeugt wäre, dass Jesus Christus die entscheidende Antwort auf die Fragen der Welt ist und der entscheidende Weg für mein Leben.“

Wichtig für diese moderne Art von Mission sind seiner Meinung nach Netzwerke, die Zusammenarbeit mit anderen im Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung und damit die Wirkung nach außen, dass Kirche immer noch ein relevanter Player in der Welt ist. Und ebenso wichtig sei der Kontakt zu den Menschen. Es sei die große Herausforderung, Menschen an die Institution Kirche zu binden, „nicht durch Überredung oder gar Manipulation, sondern durch ansteckende Freude, die sich durch Gott über die ganze Welt verbreitet.“

Verabschiedet wird Superintendent Keil am 1. März, das Verfahren für die Neubesetzung ist eingeleitet, doch voraussichtlich wird das noch bis Ende des Jahres dauern. In der Zwischenzeit übernimmt Pastor Dr. Uwe Brinkmann die Aufgaben.

Eingeleitet wurde die Sitzung zuvor mit einer Andacht von Pastor Volker Dobers, der an die Zerstörung Dresdens und das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 75 Jahren erinnerte, was damals viele Menschen verzweifeln und durchaus mit Gott hadern ließ. Leider, so merkte er an, wiederholen sich solche Zerstörungen von Städten bis heute „als ob die Menschheit nichts daraus gelernt hätte“. Im Anschluss gab es passend ein Referat über die Flüchtlingssozialarbeit im Kirchenkreis (hierzu wird ein eigener Bericht folgen).
Entschieden werden musste noch über eine Richtlinie zur Vergabe von Sondermitteln der Landeskirche, die übergemeindlichen und nachhaltigen Projekten zukommen sollen. Das Gremium diskutierte über eine möglichst gerechte Verteilung der ca. 350 000 Euro, dem mehrfach umformulierten Beschluss wurde letztlich mehrheitlich zugestimmt.

Zum ende der Sitzung gab es dann zum Einen noch ein Dankeschön für Petra Utermöller für ihr Engagement in der Frauenarbeit, das sie nun aus privaten Gründen ein wenig zurückfährt und als besondere Überraschung einen Besuch von Pastor i.R. Dr. Friedrich Seven, der den scheidenden Superintendenten in einem humorvollen Gedicht würdigte, das beim gesamten Gremium sehr gut ankam. „Der Harz, das ist ein selten Ding, alle evangelisch – keiner geht hin“, hieß es darin unter anderem oder: „Lieber Volkmar, wir schließen heut' nach deinem letzten Ephoralberichte ein Stück Harzer Kirchengeschichte.“

Volkmar Keils Ephoralbericht in voller Länge


Dr. Friedrich Seven

 

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